Bei mir / At home, On me

1995



'bei mir' erscheint zunächst als ein längerfristiges Projekt zur Realisierung von Schmuckstücken: Broschen, deren Form auf die Grundrisse von Wohnungen zurückgeht, deren Besitzer bzw. Mieter die Brosche in Auftrag gegeben haben. Eine Ausstellung am Ende des Projekts zeigt dann aber nicht die Schmuckstücke selbst, sondern quasi Dokumentationsmaterial über ihre Ausgangspunkte: Ansichten der Wohnung und Porträts der Besitzer (der Wohnung wie der Brosche). An dieser Ausstellungssituation wird aber zugleich ablesbar, daß es weder primär darum geht, ein Schmuckstück in den Rang eines Kunst-Stücks zu heben, noch darum, dieses Schmuckstück (als Auftragsarbeit) herzustellen, sondern daß das Schmuckobjekt sozusagen als "Gelenk" fungiert, das verschiedene kulturelle Muster, Ordnungen, Übereinkünfte, Symbolisierungen und Kontexte zusammenführt. 'bei mir' ist also gleichermaßen der Titel für einen Prozeß, der von Wolfgang Temmel initiiert wird, indem es um Kunst, um Schmuck, aber auch um den sozialen Ort von Personen geht, um ihr Verhältnis zu Schmuck und Kunst und nicht zuletzt um eine Form der Exponierung dieses Verhältnisses: die Entäußerung einer Lebensform in einem Objekt, das exemplarisch eine Geste des Zeigens und Darstellens impliziert. Die Form dieses (Schmuck-) Objekts existiert bereits VOR seiner Anfertigung, seine Form geht also nicht auf ein ästhetisches Konzepte, eine subjektive Erfindung oder die Thematisierung künstlerischer Strategien zurück: die Form ist vielmehr Metapher für ein anderes (soziales) System, sie weist aus dem Kunst- wie dem Schmuckkontext hinaus und zeigt (architektonische) Ordnungen, weist symbolisch auf Ordnungssysteme hin, denen der Träger (und Auftraggeber) unterworfen ist, die SIE/ER sich gestaltet hat, in denen sie/er sich bewegt, zu Hause, d. h. "bei sich" ist. Das Schmuckstück zeigt dieses "Bei-Sich-Sein"an und kehrt es nach außen. Der Preis der jeweiligen Brosche richtet sich entsprechend nicht nach Kategorien künstlerischer Wertschätzung oder Regeln des Kunstmarktes. Im Maßstab 1:400 angefertigt, berechnet sich der Preis nach einer durchschnittlichen Monatsmiete für die jeweilige Wohnung, weist also ebenfalls aus dem System Kunst in das System Gesellschaft und markiert damit exemplarisch den Ort, an dem Schmuck angesiedelt ist: er ist Teil sozialer Ordnungen, über die sich das Subjekt innerhalb der Gesellschaft positioniert oder positioniert wird, ist Gegenstand von Klassifikationen und Projektionen, ein Objekt des Begehrens und der Selbstdarstellung. 'bei mir' bündelt diese Aspekte und signalisiert als Schmuckstück deren permanente Gegenwärtigkeit.



At first glance, 'bei mir' appears to be a long-range project for the realization of pieces of jewellery, specifically, brooches. Their form derives from the floorplans of the homes of the owners and tenants who will commission the brooches. Yet an exhibition at the end of the project will not display the jewellery itself, but documentary material on the initial point of departure: views of the homes and portraits of the owners (of both the homes and the brooches). The exhibition neither focuses on elevating a piece of jewellery to a work of art, nor on the production of it (as a commissioned work). Instead, the ornamental pieces serve as "links" uniting diverse cultural patterns, orders, understandings, symbolizations and contexts. 'bei mir' is hence the title of a process initiated by Wolfgang Temmel in which art and jewellery as well as the social position of individuals are the issue. Moreover, it is a form of exposing this relationship: the divestment of a way of life in an object which exemplarily involves a gesture of self-display and portrayal. In this project, the jewellery's form exists prior to its creation; it cannot be traced to an aesthetic concept, a subjective perception or a particular artistic strategy: indeed, the form is a metaphor for a different (social) system, it goes beyond art and the ornamental context and reveals (architectonic) orders. It symbolically emphasizes systems of order to which the wearer (and commissioner) is subject, which he/she has fashioned for him/herself, in which he/she moves and is at home, i.e. "bei sich ". Each piece of jewellery refers to this state of being "bei sich". Accordingly, the price of each brooch is not based on categories of artistic esteem or dictates of the art market. Made on the scale of 1 : 400, the price is calculated on the average monthly rent of each home, and thus redirects attention from the system of art to the system of society. It exemplarily marks jewellery's domain: as a component of social orders through which the subject situates himself in society or is situated by others. Jewellery is an object of classification and projections, of desires representation. 'bei mir' brings these aspects together and as jewellery signalizes their never-ending presence.

Reinhard Braun


Wolfgang Temmels Goldbroschen "bei mir" beziehen ihre formale Gestalt - wie schon ausgehend vom internationalistischen Form follows function - Begriff an einigen weiteren Beispielen in Form einer Neuinterpretation gezeigt werden konnte - ebenfalls nicht aus einer subjektiven ästhetischen Entscheidung. Das Erscheinungsbild basiert auf den Grundrissen von Wohnungen oder Räumen, deren Besitzer bzw. Mieter die Brosche in Auftrag gegeben haben. Im größeren Projektzusammenhang ist die Brosche nur der eine Teil, das Dokumentationsmaterial ihrer Ausgangspunkte wird den zweiten Teil bilden. So kann der Wohnungsbesitzer auf der einen Seite sein "bei sich" auf dem eigenen Körper tragen, auf der anderen Seite wird er seinen Teil zur endgültigen Fertigstellung des Kunstwerks dadurch beitragen, daß er persönliche Informationen über den Lebensraum, der in Form einer abstrahierten Schablone seine/ihre Person schmückt, in einen neu geschaffenen Kontext einbringt. Temmel, der in seiner künstlerischen Biografie auf kein wie immer geartetes Produktionsschema verweisen kann (und will) und sich bisher nach allen jenen Seiten geöffnet hat, auf denen Kunst ihre starre Definition - in welcher Richtung auch immer - entbehren konnte, nimmt das Schmuckstück zum Anlaß, verschiedenste Zeichen-, Bedeutungs- und Repräsentationssysteme für die Kopf-Arbeit des Betrachters zu aktivieren. Er baut gewissermaßen ein Scharnier ein, damit eine Verbindung möglich wird und definiert damit Kunst als einen unverzichtbaren Orientierungsfaktor im Betrachten und Erkennen unserer gesellschaftlichen Bedingungen, die sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch über die ästhetische Sprache definieren (lassen).

Werner Fenz